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Loslassen

Manchmal erscheint es mir so, als sei das Leben eine einzige Prüfung loszulassen. Für mein Leben kann ich das auf jeden Fall sagen. Immer wieder musste ich, was mir lieb und teuer geworden war, Loslassen. Ich empfand das Loslassen immer als etwas Schmerzhaftes. Ein unter Druck entstandenes Hergeben. Selten war es ein freiwilliges und leichtes Hergeben. So hat auch hin und wieder das Leben entschieden, was ich loszulassen hatte. Oft waren es Menschen, die ich verlor. Freunde, Partner und meine Mutter, durch ihren frühen Tod.

Wie oft hört man auf seinem Weg, dass im Loslassen die Heilung liegt. Manchmal konnte ich es einfach nicht mehr hören, diese Pauschaldiagnose für alle Probleme. Es gab Zeiten, da hat es regelrechte Aggressionsschübe bei mir ausgelöst. Vor allem dann, wenn mir spirituelle Besserwisser ein „da musst eben Du mehr Loslassen“ um die Ohren gehauen haben. Innerlich habe ich mir dann oft vorgestellt, wie ich mein Gegenüber anblaffte, dann mach es doch einfach selbst, wenn das so einfach geht.

Erst heute, mit Mitte 50 sehe ich dieses Loslassen mit anderen Augen. Ich sehe die Möglichkeit zu wachsen und die Einladung des Lebens, durch das Lernen des Loslassens, zum wahrhaft Liebenden zu werden. Doch es dauert eine Weile und es braucht Lebensjahre. Gelebte Lebensjahre, die die Erfahrung reifen lassen können. Erfahrungen, die Dich abschleifen und dich letztendlich erkennen lassen, welche Gnade im Loslassen liegt. Welch große Heilkraft sich da in Dir ausbreiten will.

Wahrhaftiges Loslassen ist das Ergebnis eines Lebensprozesses. Es braucht Zeit und Situationen zum Üben. Loslassen kann man nicht machen, es folgt keiner Absicht. Loslassen geschieht aus Dir heraus, wenn du reif dafür bist.

Der Tod und die Liebe

Die erste Übung bekam ich, als meine Mutter mit 48 Jahren an Krebs erkrankte und dann kurz nach ihrem 50. Geburtstag verstarb. Ich war damals 29 Jahre alt.

Es hat mir das Herz aufgerissen, den wichtigsten Menschen in den Tod zu begleiten. Zuerst das nicht wahrhaben wollen, dann das Hoffen und Bangen, das Festhalten, das Kämpfen und zum Schluss das Kapitulieren. Ich musste anerkennen, dass es etwas Größeres gibt, als mein Wunsch, sie im Leben zu halten.

Es war einfach unvorstellbar für mich, ein Leben ohne sie zu führen. Es durfte einfach nicht sein, dass sie es nicht schaffte. Das wollte und konnte ich mir nicht vorstellen. Ich hätte von meiner Lebenszeit ohne weiteres Jahre an sie abgegeben, wenn das möglich gewesen wäre. Ich habe Deals mit Gott ausgehandelt, nur damit sie am Leben bleibt.

Doch es kam der Moment, an dem mir klar wurde, sie geht einen anderen Weg. Es war die erste übergroße Prüfung, ihre Hand zu halten und sie freizulassen. Sie in aller Liebe, die Dir zur Verfügung steht in den Tod zu entlassen. Sie freizugeben in Liebe … aus Liebe. Denn es ist ihr Weg, den sie jetzt gehen muss.

Loslassen ist ein Akt der Liebe

Eine andere Situation war mit einem mir ganz lieben Freund, den ich schon seit meiner frühen Kindheit kannte. Ein wunderbarer Mensch, der irgendwie nie so recht in seinem Leben angekommen war. Daher hatte er auch schon früh versucht, sich das Leben zu nehmen. Hat es dann zwar doch nicht gemacht, aber es war klar, er lebte immer nur bis zur nächsten Möglichkeit eventuell doch auszusteigen. So bemühte ich mich mein Leben lang, ihn zum Leben zu motivieren. Ihm das Leben schmackhaft zu machen. Doch leider mit sehr mäßigem Erfolg. Eines Tages, ich rief ihn an seinem Geburtstag an, erwischte ich ihn in einer sehr schwierigen Situation. Er war am Boden. Er stellte sich und sein Leben infrage und war dem Tod näher als allem anderen. Er wollte sterben, damit der Schmerz endlich aufhört.

In diesem Moment erlebte ich mich wie ferngesteuert. Statt ihn wie gewöhnlich zum Leben zu überreden, ließ ich einfach mein Herz sprechen. Ich erzählte ihm, dass ich seinen Schmerz sehe, seinen Kampf mit dem Leben und wie viel Kraft es ihn kostet, am Leben zu bleiben. Ich sagte ihm, dass ich verstehen kann, dass er sich den Tod wünscht und das es Ok ist, wenn er diesen Weg wählt. Dass sich ihn weiterhin lieben werde. Selbst dann, wenn er sich entscheidet zu gehen. Ich würde nicht böse auf ihn sein. Ich liebte ihn so sehr, dass ich ihn freigeben konnte für seinen Weg. Wie immer der auch aussieht. Ich erwartete nicht mehr, dass er meinetwegen am Leben bleibt.

Wir weinten beide so sehr am Telefon und doch waren wir in diesem Moment in so tiefer Liebe verbunden, wie ich es niemals vorher erlebte. Ich ließ los - aus Liebe und im gleichen Moment offenbart sich in Dir die größte Kraft in einer Weise, wie wir es uns kaum vorstellen können.

In einer so düsteren und kritischen Situation, zeigte sich das Licht in seiner tiefsten Schönheit und Liebe. Ich entließ einen Menschen, genau das zu tun, vor dem ich jahrelang Angst hatte, dass es geschehen würde. Dieses Loslassen aus Liebe verbindet Dich mit etwas Größerem. Einer verborgenen Kraft und Schönheit, die ich Gott nennen möchte.

Dieser Herzensfreund ist im Leben geblieben und er geht seinen Weg. Hat mutig zu dem gefunden, was seinem Leben einen Sinn verleiht. Im Loslassen, auch der Verantwortung für ihn, ging es auch mir besser und unsere Freundschaft hat eine ganz neue Qualität bekommen.

Echtes Loslassen kann nur aus dem Herzen kommen. Jedes erzwungene, verstandesmäßige Loslassen holt Dich doch nur wieder ein. Manchmal muss man etwas warten, bis es echt ist, aber der Prozess, der Dich dorthin führt, ist von unschätzbarem Wert für Dich. Loslassen kann man nicht wie Vokabel lernen. Es ist eher wie das Lernen einer neuen Sprache, indem du die Wörter anwendest, die du schon kannst.

Ertrinken oder Fliegen?

Bewusstseinsarbeiter oder „spirituell Fleißige“ verordnen sich oft das Loslassen. Ihre Ängste und ihre Erwartungen. Die Identifikation mit deinen Glaubensätzen oder besser gesagt, mit deiner Geschichte. Doch was soll das? Wenn sie unten drunter doch noch aktiv sind, ist es einfach nur Selbstbetrug und fliegt bei der nächsten Gelegenheit doch nur wieder auf. Das Zauberwort heißt hier: sei ehrlich mit Dir! Es ist gut, wenn Du bereit bis zum Loslassen. Die Theorie zu beherrschen ist immer eine gute und sinnvolle Sache. Damit beginnt der Prozess. Bis es jedoch aus Dir heraus geschehen kann, das ist abzuwarten.

Ängste und hinderliche Glaubenssätze loslassen ist ein Ergebnis intensiver Arbeit und Reflexion mit Dir selbst. Daraus entsteht dann eine Haltung des Vertrauens und dann kannst Du Loslassen. Nur dann! Wenn du jemanden dazu überreden willst, den sicheren Schwimmreifen loszulassen, obwohl er noch Angst hat, zu ertrinken, wird das nicht klappen. Der ganze Fokus liegt auf die Rettung durch den Schwimmring. Loslassen ist für den „Ertrinkenden“ in diesem Fall gar keine Option.
Genau das versuchen viele Menschen auf ihrem Weg in ein erfülltes Leben. Der Rettungsring ist der ungeliebte Job, der die Miete reinbringt. Der Partner der Dich vor dem Alleinsein bewahrt. Die gute Position, die deine Selbstzweifel kaschiert.

Wenn es mir nicht gelingt, Vertrauen in das Wasser zu bekommen, dass es mich auch wirklich trägt, wird der Versuch zu schwimmen (loszulassen) ein elendiges Gezappel, das uns früher oder später doch wieder an den Schwimmring greifen lässt.

Loslassen ist ein Ergebnis aus dem Vertrauen, dass es eine Kraft in Dir gibt, die größer ist. Die Dich trägt und führt und die will, dass Du lebst.

„Ich setzte den Fuß und die Luft und sie trug.“
Hilde Domin

© Sabine Häring, Dießen am Ammersee, www.life-rocks.de

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